KOMAK-ML

April 17, 2008

Österreichische Wagenburg unterstützt Arbeiter/innen von Mafissa.

Gespeichert unter: Arbeitskampf, International, Veranstaltungen, Österreich — komakml @ 9:43 Uhr vormittags

Beispielgebende Solidarität von Ausgegrenzten für Ausgesperrte.

Her mit dem LebenAm Freitag um 15 Uhr sorgte in Wien eine Demonstration für ”freies Leben und Lieben” für großes Aufsehen. Passanten, auch viele Touristen, waren Zeugen des Ereignisses und staunten. Rund 300 Menschen zogen durch den 1. Bezirk, wo vor der argentinischen Botschaft am Stephansplatz eine Zwischenkundgebung zu Mafissa, einer besetzten Fabrik in Argentinien (die KomAk-ml hat bereits berichtet; siehe weiter unten), stattfand. Die Solidarisierung hat den Kampf um „selbstbestimmte Wohnräume“ durch den Brückenschlag zum Arbeitskampf zum Kampf gegen das Kapitalverhältnis überhaupt erweitert. Möge doch dieser vorläufig noch seltene Akt Beispiel sein für die zukünftige gemeinsame Kampftätigkeit der Arbeiterschaft und der sogenannten Prekarisierten auf nationaler und internationaler Ebene!

In Wien fallen momentan die Bewohner der einzigen lebendigen österreichischen Wagenburg „unangenehm“ auf, weil sie kein Dach, oder was als solches allgemein anerkannt ist, über dem Kopf haben. Sie ziehen aus den großstädtischen Mietskasernen aus und es vor, in mobilen Unterkünften, Wagen und Zelten, zu leben. Doch wie immer sie ihre Situation auch rationalisieren, ist wohl klar, dass ihre Wahl für ein freies Leben unter freiem Himmel von den Immobilienpreisen nicht unabhängig ist. Von der Gesellschaft ausgeschieden wohnen sie am Stadtrand Wiens, in den Simmeringer Gemüsegärten, und „verweigern“, was sie wohl gar nicht erreichen könnten, ein Leben im Konsum.
Jetzt macht sich die Baubehörde über sie, versucht diese Menschen auch dort gänzlich wegzubekommen und bemängelt, dass sie durch ihr Gewicht mit dem Grund verbunden seien. Natürlich meint die Baupolizei nicht die Leute selbst, sondern die abgestellten Fahrzeuge und Zelte auf dem Gebiet, die als „Baulichkeiten“ anzusehen seien. Auf Anhieb fallen einem gar nicht sehr viele Dinge ein, die durch ihr Gewicht nicht mit dem Grund verbunden wären, aber der „Normalmensch“ muss sich ja zum Glück damit nicht die Zeit vertreiben. Für solchen Unsinn ist die Behörde zuständig.
Man hat also die Bewohner/innen der Wagenburg aufgefordert, das Gelände zu räumen, hat ihnen aber keinen anderen Niederlassungsort eingeräumt. Die Bewohner/innen haben sich daher am Freitag, 11.04.2008, mit einer Demonstration ihrer prekären Lage an die Öffentlichkeit gewandt. Viele Unterstützer/innen der Initiative waren zugegen. Und auf Vorschlag des „Komitees zur Unterstützung der Arbeiter/innen bei MAFISSA“ bog der Demonstrationszug ein, zog mitten durch die Wiener Innenstadt über den Graben zum Stephansplatz bis zur Goldschmiedgasse, wo die Botschaft der Republik Argentinien lagert, d. h., wo sie ihre „Baulichkeit“ hat.

solidarität
Die Demonstration war beeindruckend, und beeindruckend, ja politisch avantgardistisch war die bezeugte Solidarität mit den argentinischen Arbeiter/inne/n. Man ist ja soviel praktische, aber vor allem auch übergreifende Solidarität in Österreich kaum gewohnt. Für gewöhnlich solidarisieren sich in Österreich die Lehrer mit den Lehrern, die Postler mit den Postlern, die Eisenbahner mit den Eisenbahnern oder alle heiligen Zeiten auf erpresste Aufforderung alle mit dem ÖGB (sprich mit den Bonzen). Dass sich aber „Randständige“ bzw. Ausgegrenzte in Österreich mit den ausgesperrten Arbeiter/inne/n in Argentinien solidarisieren … – Und wenn es bislang ein Einzelfall ist, es soll nicht so bleiben!

Hier die Rede, gehalten am 11.04.2008, Stephansplatz/Ecke Goldschmiedgasse vor der Botschaft der Republik Argentinien:

mafissa
Wieso sind wir heute hier, vor der argentinischen Botschaft?
Wir sind hierher gekommen, weil wir die Arbeiter/innen von Mafissa unterstützen.
Diese Arbeiter/innen halten seit dem 18. Februar ihre Fabrik besetzt.
In La Plata, das liegt gleich bei Buenos Aires in Argentinien, steht eine Fabrik, das Mafissa-Werk. Das ist eine hochmoderne Anlage, in der aus alten Kunststoffflaschen Garne für die Textilproduktion, Plastikplanen, Schaumstoffe und so weiter hergestellt werden. Diese hochmoderne Fabrik steht seit Monaten still.
Es ist aber nicht still im Mafissa-Werk, im Gegenteil. Nachdem der Besitzer, ein Herr Curi, die gesamte Belegschaft fast drei Monate lang ausgesperrt hat, haben die Arbeiter/innen am 18. Februar dieses Jahres nämlich das Werk besetzt. Und sie halten es seither, seit bald zwei Monaten, besetzt.
Wieso hat Herr Curi das Werk schließen lassen?
Vor drei Jahren hat es der Belegschaft bei Mafissa gereicht. Die Leute haben einfach zu wenig verdient, um mit ihren Familien überleben zu können, nämlich ungefähr 230 Euro, und das ist nicht einmal die Hälfte von dem, was mensch in Argentinien, in La Plata zum Überleben braucht.
Gereicht haben auch die Arbeitsbedingungen. In einer Fabrik mit 500 – 600 Arbeiter/innen ist im Schnitt jedes Jahr ein/e Arbeiter/in an den Folgen der miserablen Arbeitsbedingungen, der mangelnden Sicherheitseinrichtungen gestorben.
Und was haben die Leute gemacht?
Erst haben sie sich an den Betriebsrat gewandt. Was aber macht dieser Betriebsrat? Er sorgt sich um den sogenannten „Betriebsfrieden“, und das heißt, er deckt den Boss und verarscht die Leute, die ihn gewählt haben.
Deshalb haben die Mafissa-Beschäftigten den Betriebsrat abgewählt und beschlossen, sich selbst um die Sache zu kümmern.
Sie haben Plenas, Betriebsversammlungen abgehalten, in denen jede, jeder mitreden hat können, und in diesen Versammlungen haben sie dann beschlossen, dass sie um ihre Rechte, um ihre Gesundheit, um ihre Löhne kämpfen werden.
Und das machen sie seither.
In diesen drei Jahren, die die Arbeiter/innen bei Mafissa bereits kämpfen, haben sie Dienst nach Vorschrift gemacht, haben sie gestreikt, demonstriert, haben Straßen blockiert, die Auslieferung verhindert, das Werk besetzt – kurz, sie haben ihr Schicksal in die eigene Hand genommen.
Sie haben sich nicht mit Almosen abspeisen lassen, wie es der alte Betriebsrat gern gehabt hätte. Und sie haben sich nicht einschüchtern lassen. Nicht davon, dass der Herr Curi immer wieder sogenannte „Rädelsführer/innen“ aussperren hat lassen. Sie haben sich von willkürlichen Entlassungen nicht beeindrucken lassen, sondern für die Wiedereinstellung der Kolleg/inne/n gekämpft. Sie haben auch für die Fixanstellung der Kolleg/inne/n, die nur Zeitverträge erhalten haben, gekämpft.
Sie haben sich von der Polizei, die der Herr Curi zu Hilfe gerufen hat, nicht einschüchtern lassen. Die argentinische Polizei schießt mit Gummigeschossen auf demonstrierende Arbeiter/innen. Sie hat auch schon scharf geschossen:
Unter Curis Vater, dem früheren Eigentümer der Fabrik, unter der Militärdiktatur der 70er Jahre in Argentinien, haben die Polizei, die Armee, die faschistischen Banden kämpferische Mafissa-Arbeiter/innen umgebracht, mehr als ein Dutzend Mafissa-Arbeiter/innen haben sie in dieser Zeit der Militärdiktatur umgebracht.
Wenn die Polizei das besetzte Mafissa-Werk angreift, dann werden Barrikaden gebaut. Dann kommen die Leute aus der Nachbarschaft, aus anderen Fabriken, aus den Universitäten, und verteidigen das Werk gemeinsam.
So wie die Mafissa-Arbeiter/innen dabei sind, etwa wenn die Lehrer/innen für höhere Löhne streiken und demonstrieren.
Und wenn der Belegschaft das Geld ausgeht, weil sie keine Löhne mehr bekommt, dann wird sie unterstützt. Von Nachbar/inne/n, die Essen vorbeibringen, von Bands, die Soli-Konzerte geben, von Arbeiter/innen, die Spenden sammeln für die Besetzer/innen der Mafissa-Fabrik.
Und das können wir von diesem Kampf um die Mafissa-Fabrik lernen:
Dass wir keine Stellvertreter brauchen können, die sich nicht um unsere Interessen scheren.
Dass wir uns auf die eigenen Kräfte verlassen müssen, und das heißt auch, dass wir gemeinsam diskutieren und entscheiden müssen, wie wir kämpfen.
Dass wir unseren Kampf nicht als Einmaligkeit begreifen dürfen, sondern uns mit den Kämpfen anderer, ob es Arbeitskämpfe, Kämpfe im Stadtteil, oder um einen Wagenplatz sind, solidarisieren müssen.
Weil es schlussendlich derselbe Kampf ist, der Kampf gegen das Kapital, gegen die Staatsgewalt, gegen Fremdbestimmung, miese Lebensbedingungen …
Und deshalb stehen wir heute vor der argentinischen Botschaft.
Wir fordern:

  • Dass die Angriffe auf die Arbeiter/innen bei Mafissa aufhören.
  • Die Angriffe durch den Herrn Curi, der seit vier Monaten keine Löhne mehr bezahlt hat.
  • Die Angriffe durch die Polizei und die Gerichte, die die Leute niederprügeln und mit Gerichtsverfahren eindecken.
  • Und die Angriffe durch die Gewerkschaft AOT, die die Belegschaft im Stich gelassen hat und immer noch versucht, sie zu spalten.
  • Wir fordern, dass die Arbeiter/innen bei Mafissa endlich den ausständigen Lohn erhalten.
  • Wir fordern, dass die Arbeiter/innen ihre Fabrik selbst betreiben dürfen, unter Bedingungen, die sie nicht gesundheitlich ruinieren, und zu Löhnen, von denen sie gut leben können.

Im Namen der Mafissa-Arbeiter/innen danke ich euch für eure Unterstützung.

fabriksbesitzer

Hoch die internationale Solidarität – oder, wie es in La Plata heute heißt:

Mafissa – escucha: Tu lucha es nuestra lucha!
Das heißt : Mafissa – hör zu : Dein Kampf ist unser Kampf!

siehe auch Presserklärung von Mafissa weiter unten
zum Wagenplatz: http://wagenplatz.at/
Flugblatt des „Komitees zur Unterstützung der Arbeiter/innen bei MAFISSA“ (Text weiter oben); zur weiteren Verbreitung empfohlen!

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