KOMAK-ML

April 17, 2008

Der einzig verlorene Kampf ist der, der aufgegeben wird!

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Seit 18. Februar 2008 halten die ArbeiterInnen der Kunstfaser-Fabrik MAFISSA in La Plata, Provinz Buenos Aires, ihre Fabrik besetzt. Das ist der aktuelle Stand in einem Arbeitskampf, der sich seit 2005 zuspitzt und gleichzeitig das Ende der illegalen Aussperrung, die die Unternehmensleitung über 80 Tage lang betrieben hat.

„Als der Konflikt ausbrach, haben wir begonnen uns selbst zu organisieren, außerhalb der Gewerkschaft. Alles, was hier bei Mafissa passiert ist, haben die Bürokratie und Curi (Name des Fabriksbesitzers, Anm. d. Verf.) selbst verschuldet. Das Unternehmen hat den Konflikt durch die Gewerkschaft erzeugt, sie haben drei oder vier geschnappt und begonnen, sie zu jagen, und als sie sahen, dass Leute begannen, sich zu organisieren, wurden die rausgeworfen. Doch durch den Kampf sind sie wieder eingestellt worden, das ist der Betriebsrat. Sie haben den Konflikt erzeugt, um die ArbeiterInnen loszuwerden. Wir haben in dieser Zeit die Anstellung von 117 KollegInnen, die zuvor Zeitverträge hatten, durchgesetzt, später die von weiteren 90 und die Rekategorisierung für alle. Sie wollten ein Grüppchen Arbeiter loswerden, die dabei waren sich zu organisieren, es ist ihnen aus den Händen geglitten, und all das ist dabei entstanden …“

MAFISSA ist ein petrochemischer Betrieb mit mehr als 500 ArbeiterInnen. Dort wird aus alten Plastikflaschen Kunstfaser erzeugt, zum Beispiel Nähzwirn, Mikrofasergewebe und Schaumstoff aus Polyester. „Wir arbeiten hier, als hätten wir’s mit Baumwolle zu tun. Aber was durch die Leitungen dieser Fabrik fließt, ist pure Chemie und sehr giftig. Bevor wir einen Faden produzieren, stellen wir die Chemikalien her, die in die Leitungen gespeist werden” erklärt einer der Arbeiter.

Höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen!

2005 tauchen im Betrieb Flugblätter auf, in denen Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gefordert werden und zu einer Betriebsversammlung aufgerufen wird. Zu dieser Zeit betragen die Durchschnittslöhne bei Mafissa 850,– Pesos (damals ca. 230,– Euro), bei einem Familien-Existenzminimum von 2.000,– Pesos und einer offiziellen jährlichen Inflationsrate von über 15%. Beinahe die Hälfte der über 500 ArbeiterInnen hatte befristete Verträge, und jährlich starb durchschnittlich eine/r an den Folgen der miserablen sicherheitstechnischen und hygienischen Bedingungen in der Fabrik.
All dem hatte der Betriebsrat nichts entgegenzusetzen: Die letzte Betriebsversammlung war 1998 einberufen worden, nur um Dampf abzulassen, und auf halbherzige Kampfmaßnahmen folgten zahllose zahnlose Verhandlungen, die in Niederlagen endeten. „Die haben uns daran gewöhnt, zu verlieren“, analysiert ein Kollege, „damit wir gar nicht erst wieder auf die Idee kommen, zu streiken.“
 Aber dieses Mal nehmen die ArbeiterInnen die Sache selbst in die Hand, und prompt verhandelt der Betriebsrat (lächerliche) sechs Prozent Lohnerhöhung aus, um den Aufruhr im Keim zu ersticken. Jedoch ermutigt von diesem ersten kleinen Erfolg, beginnen die ArbeiterInnen im September 2005 mit „Dienst nach Vorschrift“, gemäß den Tätigkeitsbeschreibungen in der längst veralteten Betriebsvereinbarung von 1986.
Die Unternehmensleitung ist machtlos und versucht den Produktionsausfall mit prekarisierten Vertragsarbeitern auszugleichen, also nimmt die Versammlung die Umwandlung der befristeten Verträge in unbefristete und den freien Zugang zum Betriebsgelände für alle Beschäftigten (immer wieder werden ArbeiterInnen ausgesperrt) in ihren Forderungskatalog auf. Die Unternehmensleitung bietet eine Einmalprämie und schickt die Polizei. Die „RädelsführerInnen“ werden vom Betriebsgelände ausgesperrt. „Wenn sie eine/n angreifen, dann greifen sie alle an,“ kontern die Ausgesperrten. Die Belegschaft bleibt standfest, und schon eine Schicht später sind die Entlassenen wieder eingestellt.

Der alte Betriebsrat wird abgewählt, von nun an entscheidet die Versammlung!

Die Organisierung der ArbeiterInnen geht unterdessen weiter, Betriebsversammlungen werden abgehalten und eine Neufassung der Betriebsvereinbarung wird diskutiert. Der neue Betriebsrat wird mit 384 gegen 84 Stimmen gewählt und macht sich sofort an die Arbeit. Es gilt, die Sicherheitbedingungen zu verbessern, denn die elementarsten Arbeitsmittel, wie Hüftgürtel, Isolierhandschuhe und -stiefel, fehlen.
Am 21. Mai 2007 kündigt die Firmenleitung sechs Kolle gInnen fristlos und ohne Erklärung. Doch die diensthabende Schicht legt die Arbeit nieder, während sich ihre KollegInnen vor dem Fabrikstor sammeln und Ketten bilden, um die Ein- und Ausfahrt der LKWs zu blockieren. Die Produktion steht still.
Die Solidarität mit den Streikenden ist beeindruckend:
„Das Schöne ist, dass die Leute, die zu uns stehen, so wie wir nur bescheidene Mittel haben. Gestern hat uns ein Ehepaar, das hier Kartons sammelt, mit sieben Pesos unterstützt. Die Jungs wollten das nicht annehmen, aber die Frau hat darauf bestanden. Und dann sind ein paar Buben aus dem Bus gestiegen, sieben oder acht Jahre alt, und haben 70 Centavos beigesteuert.“
Zahlreiche Gruppen, Parteien und Organisationen entwickeln eine Solikampagne, die den Arbeitskampf bei Mafissa im ganzen Land bekannt macht. Die ArbeiterInnen knüpfen Kontakte, erzählen an der Fakultät von ihren Erfahrungen, werden zu Veranstaltungen und Festen eingeladen.

Die erste Besetzung

Im Mai 2007 verkündet die Firmenleitung die Aussperrung der ArbeiterInnen, aber die verlassen das Betriebsgelände nicht. Nach 42 Tagen endet diese Etappe des Kampfes mit einem klaren Sieg für die ArbeiterInnen: Die Firmenleitung verpflichtet sich im Schlichtungsverfahren schriftlich, die Gehälter um 32% anzuheben, binnen eines Monats alle Gekündigten wieder einzustellen und die Suspendierungen (d.h. faktisch Kündigungen) zurückzunehmen. 120 ArbeiterInnen mit Zeitverträgen werden ab sofort fix angestellt (und bekommen dadurch 300,– Pesos mehr Lohn).
Doch Mitte August 2007 sind entgegen aller Vereinbarungen 62 ArbeiterInnen immer noch suspendiert und bekommen nicht die vollen Löhne bezahlt. Die Verhandlungen verlaufen ergebnislos, also wird eine Betriebsversammlung einberufen. Sie beschließt die Blockade des Fabrik stors (und damit der Warenauslieferung). Beinahe jede Woche ziehen jetzt demonstrierende ArbeiterInnen zum Arbeitsministerium, unterstützt von Delegationen ebenfalls kämpfender Betriebe (Astillero Río Santiago, ASOMA, GLEBA) und solidarischen StudentInnen.
Am 2. Oktober wird eine Demonstration vor dem Arbeitsministerium von der Polizei aus nächster Nähe mit Gummigeschossen angegriffen, fünf Kollegen werden verletzt, einer von ihnen lebensgefährlich. Die diensthabende Schicht bei Mafissa unterbricht die Produktion, um eine Betriebsversammlung abzuhalten, und hisst ein riesiges Transparent, das zur Fortsetzung des Kampfes aufruft.

Die zweite Besetzung

Am 18. Februar, angesichts des beharrlichen Schweigens der Regierung, beschließt die Betriebsversammlung die Besetzung der Fabrik. Unterdessen finden regelmäßig Solifeste zugunsten des Streikfonds statt, denn 550 Familien fehlt nun ein Einkommen. Namhafte argentinische Bands, wie „Las Manos de Filippi“ und „Cumparsita” geben Konzerte. Die Betriebsversammlungen werden aufs Wochenende verlegt, weil immer mehr KollegInnen sich gezwungen sehen, anderswo zu hackeln. Auch Straßenblockaden und Demos finden weiterhin statt.

Die Mafissa-ArbeiterInnen fordern

  • Wiedereinstellung der Gekündigten und Aufhebung der Suspendierungen.
  • Bezahlung der einbehaltenen Löhne.
  • Wiederaufnahme der Produktion.
  • Anerkennung des Betriebsrates und der gewerkschaftlichen Rechte.
  • Zurücknahme aller Anzeigen, Strafverfahren und des Verfahrens zur Aufhebung des Kündigungsschutzes.

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